Fakultätsschwerpunkt: Aushandlungskulturen

Das Konzept der Aushandlungskulturen stammt aus der Renaissance-Forschung und blieb bisher meist auf die Frühe Neuzeit beschränkt. In der Frühen Neuzeit konkurrieren so etwa verschiedenartige Modelle wissenschaftlicher Welterklärung, geraten mit dem Aufkommen des Renaissance-Humanismus herkömmliche Hierarchisierungen des literarischen Kanons in Widerspruch zueinander, avanciert der allgegenwärtige Wettstreit in den Künsten und der Kunsttheorie geradezu zur Epochensignatur, werden die medialen Formen des Theaters, neue literarische Gattungen, neue mediale Formate dynamisiert und allererst entwickelt.

Für den Schwerpunkt ist die Annahme grundlegend, dass zwar speziell die Frühe Neuzeit, doch eben auch die Antike und das Mittelalter, die Neuzeit und Moderne auf unterschiedliche Weise durch das ‚Aushandeln‘ konkurrierender Geltungsansprüche literarischer und kultureller Praktiken, Modelle, Leitvorstellungen und Ordnungen geprägt sind. Diese bilden sich prozesshaft heraus, indem sie in konkreten historischen Kontexten jedes Mal durch sehr spezifische literarische, narrative und diskursive Verfahren aus- und verhandelbar gemacht werden. Dabei zeichnen sie sich durch interne Dynamiken und Übergangsphänomene aus, die gleichfalls zu untersuchen sind. Das zentrale Forschungsinteresse des Schwerpunkts gilt epochal begrenzten, weniger im Hinblick auf Transfers und Transformationen, sondern vor allem auch in synchronen Schnitten untersuchten Szenarien und Situationen, in denen sich Praktiken und Modelle einer Kultur verändern, im Widerstreit von ‚alt‘ und ‚neu‘ Dynamisierungen erfahren, als kulturell leitende Ideen und Konzepte thematisiert, metaisiert und ausgehandelt werden.

Im Forschungsschwerpunkt soll das literatur-und kulturwissenschaftliche Potential des Konzepts (1.) in weitgespannter Diachronie auch für andere Epochen – Antike, Mittelalter, Moderne, Gegenwart – erprobt und (2.) anhand exemplarischer Paradigmen in seiner systematischen Leistungsfähigkeit geklärt werden. Damit  bündelt der Schwerpunkt literatur- und kulturwissenschaftliche Projekte der Fakultät für Philologie, um das im Rahmen dieser Vorhaben aufgebaute – literatur-, kultur- und medienwissenschaftliche Perspektiven verbindende – Forschungspotential methodisch-heuristisch zuzuspitzen und konsequent weiter zu entwickeln.

 

Poetiken des Sammelns

 

Prof. Dr. Manuel Baumbach (Klassische Philologie), Prof. Dr. Manfred Eikelmann (Germanistisches Institut)

Beschreibung:
Sammeln ist eine grundlegende Kategorie für die Produktion und Reflexion von Texten von der Antike bis in die Gegenwart und damit ein zentraler Aspekt der Literaturwissenschaft, der bislang nur in Ansätzen und nie disziplin- und zeitübergreifend untersucht worden ist. Sammelpraktiken und Sammelprozesse können Voraussetzung für die Produktion literarischer Texte sein, zu ihrem Inhalt, Thema und Motiv werden, ihre Gestaltung und selbst ihren Stil bestimmen. Zugleich ist Sammeln eine Form autoreflexiver Selbstthematisierung, in der ein literarischer Text sich selbst und Literatur allgemein reflektiert. Wir sprechen diesbezüglich von ‚Poetiken des Sammelns‘, die das Sammeln in Abgrenzung von existierenden Text- und Sammlungskulturen sowie normativen Poetiken als literatur- und poetikfähig zur Geltung bringen. Sammeln wird als Denk­figur für die Literaturproduktion begriffen, so dass nach impliziten Poetiken des Sammelns zu fragen und dessen poetologische Reflexion bis in literaturtheoretische Diskurse zu verfolgen ist. Ohne daher zu einem herkömmlichen Poetik-Verständnis zurückzukehren, geht es we­sent­lich um die Relevanz der Praktiken des Sammelns für die Konstitution von literarischer Textualität. Auch als kulturelles Phänomen muss das Sammeln daher stets auf die Ebene der Textkonstitution rückbezogen werden. Dabei gelten Text und Buch insofern als literarische Schlüsselmedien, die in ihrer zentralen Bedeutung für die Kultur lesbar gemacht werden müssen. Da das Sammeln literaturwissenschaftlich betrachtet eine Konstante darstellt, die nicht an bestimmte Epochen, Gattungen oder Traditionen gebunden ist, wird Literatur von der Antike bis zur Gegenwart betrachtet.

Fächerspektrum:
Anglistik, Didaktik, Germanistik, Linguistik, Klassische Philologie, Komparatistik, Mediävistik, Romanische Philologie, Slavische Philologie

Format:
Das Projekt soll in Form eines Graduiertenkollegs (der Vorantrag ist bei der DFG eingereicht) verfolgt werden; mittelfristig ist geplant, eine Graduiertenschule einzurichten, die sich interdisziplinär mit Formen der Selbstbeschreibung und Selbst­reflexion von Literatur in epochenübergreifenden Aushandlungen beschäftigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DFG-Forschergruppe 2305 | Teilprojekt 05: Canto l’arme pietose. Hybridisierungen von ‚alt‘ und ‚neu‘ in Epos und Epostheorie des Secondo Cinquecentoe

 

Prof. Dr. David Nelting (Romanisches Seminar)

Das Teilprojekt möchte die gemeinhin präsupponierte Dichotomie posttridentinischer und humanistischer Diskurse im Bereich der Literatur einer Revision unterziehen und vorschlagen, die kulturelle Situation des Secondo Cinquecento nicht als diachrone Abfolge und/oder synchronen Widerstreit von ‚weltlicher Renaissance‘ einerseits und ‚rigoristisch-spiritueller Gegenreformation‘ andererseits zu beleuchten, sondern das Konzept der Hybridisierung als Beschreibungskategorie in Anschlag zu bringen. Dabei ist der Aspekt der Zeitlichkeit bedeutsam, wenn das Secondo Cinquecento der communis opinio zufolge durch humanistische und durch tridentinische Regelsysteme geprägt ist, wobei erstere in ihrer ‚Weltlichkeit‘ modern wirken, im historischen Diskursgefüge aber gleichsam ‚alt‘ und ‚erschöpft‘ einen Geltungsverlust zu erfahren scheinen, während gegenreformatorische Ordnungsmodelle einerseits tief restaurativ anmuten, andererseits aber nachgerade ‚modernisierungswütig‘ ‚neue‘ Darstellungs- und Wissensformen entwickeln. Dass es dabei auf der historischen Objektebene zu Übergänglichkeiten und Vermischungen kommt, ist von der Forschung durchaus beobachtet worden. Das Projekt möchte aber weiter gehen und auch auf Konzeptebene vorschlagen, das Verhältnis Humanismus/Gegenreformation nicht dichotomisch anzugehen, sondern als Hybride zu begreifen.

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DFG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DFG-Projekt: Klassiker im Kontext. Zur Funktionsweise medialer Transferprozesse am Beispiel frühneuzeitlicher Klassiker-verdeutschungen (ca. 1460/70 bis ca. 1580/1600)

 

Prof. Dr. Bernd Bastert (Germanistisches Institut), Prof. Dr. Manfred Eikelmann (Germanistisches Institut)

Der Bezug auf die Antike und deren herausragende Werke und Autoren ist für die Literatur des 15./16. Jahrhunderts bekanntlich zentral. Im Unterschied zur lateinischen und vernakularen romanischen Literatur hat man der kontemporären deutschen Literatur oft abgesprochen, auf diese Herausforderungen angemessen reagiert zu haben. Es hat jedoch durchaus Unternehmungen gegeben, die auf eine Verdeutschung literarischer und philosophischer Klassiker der Antike zielen – diese wurden in der Forschung allerdings nur wenig beachtet. Erhalten sind sie in Handschriften des 15. und vor allem in medial ambitionierten, experimentierenden Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts. An einem ausgewählten Korpus dieser Klassiker-Verdeutschungen (Aesop, Boethius, Cicero, Terenz, Ovid, Vergil), die noch nicht systematisch und vor allem noch niemals für eine so lange und entscheidende Phase der Druckgeschichte (ca. 1460/70 – ca. 1580/1600) unter dieser Fragestellung analysiert wurden, sollen im Projekt die komplexen medialen Transferprozesse und die damit zusammenhängenden kulturräumlichen Kontextualisierungen untersucht werden, die eine Verortung im vernakularen Umfeld ermöglichen.

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Virgilius redivivus: DFG-Projekt zur lateinischen Grammatik

 

Prof. Dr. Reinhold Glei (Seminar für Klassische Philologie)

Im Jahr 2016 ist ein Projekt zur lateinischen Grammatik gestartet, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) genehmigt wurde. Es befasst sich mit einem vermutlich aus dem 7. Jahrhundert n.Chr. stammenden irischen Grammatiker, der sich „Virgilius Maro“ nannte und als Schüler des Aeneas ausgab. Das Werk des Virgilius scheint eine Mischung aus einem ernsthaften grammatischen Lehrbuch und parodistischem Nonsens zu sein, was das Ganze sehr unterhaltsam, aber auch recht schwer verständlich macht. So liest man u.a. von 12 Arten von Latein, von 50 Verben ohne Singular, von einer 14tägigen Kontroverse über die Frage, ob das Pronomen ego einen Vokativ habe, oder von Buchstabenrätseln bei Cicero (Beispiel: RRRSSPPMMNTEEOOAVI). Im Laufe des Projekts sollen diese und andere Dinge mehr enträtselt werden.

 

DFG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abgeschlossene Projekte im Rahmen des Schwerpunktes:

DFG-Projekt: Doctrina Machumet (Laufzeit: 2011-2014)

 

Prof. Dr. Reinhold Glei (Seminar für Klassische Philologie)

In der von Petrus Venerabilis initiierten, 1142/43 fertig gestellten sog. Collectio Toletana finden sich neben der lateinischen Koranübersetzung des Robert von Ketton auch Übersetzungen verschiedener anderer arabischer Quellen, namentlich der Apologie des Al-Kindi sowie dreier Werke, die der legendären Hadith-Literatur zuzuordnen sind. Während die Koranübersetzung und auch die Apologie sich seit längerer Zeit der Aufmerksamkeit der Forschung erfreuen, wurden die kleineren Schriften des Corpus Toletanum bisher vernachlässigt.

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DFG-Projekt: Singularisierung – Sodalisierung. Poetische Selbstautorisierung in der italienischen und französischen Literatur der Frühen Neuzeit (Laufzeit: 2013-2016)

 

Prof. Dr. David Nelting (Romanisches Seminar)

Die Selbstautorisierung eines Autors als Autorität poetischer imitatio widerspricht einem traditionell zentralen Geltungsargument für die Vorbildhaftigkeit eines Autors im Rahmen der imitatio veterum, nämlich die Anciennität seiner Schriften. Selbstautorisierung ist damit  Grundfigur einer dynamischen, prospektiv ausgerichteten Performativität jener poetischen Rede in der Frühen Neuzeit, die zwar grundsätzlich durch retrospektive Ausrichtung an klassischen Vorbildern, die es im Sinne der renovatio zu aktualisieren gilt, gekennzeichnet ist, die in ebensolchem Maße aber auch das poetische Jetzt und die Zukunft in den Blick nimmt. Die zentrale These lautet in diesem Zusammenhang, dass Francesco Petrarca in Hinblick auf die Etablierung spezifisch frühneuzeitlicher Autorität auf nachdrückliche Selbstautorisierung setzt und dabei zwei morphologisch gegenstrebige und funktional komplementäre Verfahren nutzt: Singularisierung und Sodalisierung.

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